Die Wildrose



Wildrosen - vertraut und doch voller Überraschungen



Ende Mai bis Mitte Juni blühen in Hecken und Gebüschen die Wildrosensträucher. Mit den gezüchteten Rosen der Gärten können sie - was die Blütengröße und die Blühdauer betrifft - nicht konkurrieren. Dem Wissenschaftler, dem Naturfreund und dem Volkskundler haben sie jedoch viel zu bieten. Darauf deutet zum Beispiel die Tatsache hin, dass es mehrere Tausend wissenschaftliche Veröffentlichungen über Wildrosen gibt. Die Zahl volkstümlicher Schriften, in denen Wildrosen eine Rolle spielen, ist unübersehbar.
Seit der griechischen Antike gilt die Rose als Symbol der Liebe, und rote Rosen wurden der Göttin Venus als Opfergaben dargebracht. Im bewussten Gegensatz dazu weihten die nachrömischen Christen weiße Rosen der Jungfrau Maria. Im Mittelalter wurde die Rose neben der Lilie zur bevorzugten Pflanze der Poeten. Als frühes Beispiel einer teils dichterischen, teils wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Rosenblüte sei ein Spruch des berühmten mittelalterlichen Gelehrten Albertus Magnus zitiert. Dieser war von der Form der Kelchblätter einer Hundsrose fasziniert.


Das sind die fünf grünen Blattorgane, die unter den zarten und gefärbten Blütenblättern stehen. Zwei davon haben an beiden Seiten kleine Seitenzipfel, eines nur an einer Seite, und zwei haben keine Zipfel.

Hier zunächst das lateinische Gedicht Alberts des Großen:

Quinque sunt fratres, duo sunt barbati
sine barba sunt duo nati
Unus ex his quinque
Non habet barbam utrinque

Hier eine freie Übersetzung ins Deutsche:

Zu fünft sind die Brüder, doch bärtig nur zwei
zwei weitere blieben von Barthaaren frei
einer ist seltsamer Art
einseitig sprießt ihm der Bart.

Schaut man aus der Nähe in eine Wildrosenblüte hinein...



...so fallen in der Mitte der Blütenkrone die zahlreichen gelben Staubblätter auf. Sie locken Insekten an, welche sich vom eiweißreichen Blütenstaub (Pollen) ernähren. Wildrosen sind in dieser Hinsicht für die Kleintierwelt nützlicher als die "gefüllten" Gartenrosen, bei denen durch Genveränderungen die Staubblätter in Blütenblätter umgewandelt sind. Was die Züchter da hätscheln und pflegen, sind eigentlich Abnormitäten, allerdings sehr dekorative - wie man zugeben muss.

Weshalb beschäftigen sich Botaniker so intensiv mit Wildrosen? Wer sie aufmerksam beobachtet, findet bei ihnen sehr verschiedene Blütenfarben. Neben Sträuchern, die rein weiß blühen, findet man zartrosa oder kräftig rosa blühende, ja gelegentlich fast rotblühende. Schon das deutet darauf hin, dass es verschiedene Arten gibt. Auch bei den Hagebutten lassen sich auffällige Unterschiede beobachten, wie die folgenden zwei Bilder zeigen:




Bei dem links gezeigten Beispiel ist alles kahl und glatt. Bei dem rechts gezeigten sind die Stiele mit feinen Borsten besetzt, die am Ende kleine, etwas klebrige Köpfchen tragen, sogenannten Drüsenborsten. Oft sind auch die Hagebutten von ihnen besetzt, meist im unteren Teil, manchmal auch bis oben.
Weitere wichtige Unterschiede betreffen die Behaarung der Blätter, den inneren Aufbau der Hagebutten, die Wuchsform der Sträucher, die Stachelform und vieles mehr. Man kann an einem Rosenstrauch ungefähr 50 wichtige Merkmale registrieren.
Seit dem 19. Jahrhundert haben die Botaniker diese Merkmale studiert und dabei allmählich erkannt, welche davon erblich sind und welche nur von Umwelteinflüssen hervorgerufen werden und sich von Jahr zu Jahr ändern können. Das führte auch zur immer klareren Unterscheidung der Wildrosenarten. In der Region Trier kommen immerhin 20 Arten vor. Am häufigsten ist die Hunds-Rose, die man u. a. an völlig unbehaarten Blättchen erkennt. Die seltenste Art ist die Essig-Rose, die nur kniehohe Sträucher mit großen, dunkelrosa gefärbten Blüten bildet. Sie kommt nur bei Wasserliesch vor und wird dort schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beobachtet.

Dr. Hans Reichert