Der Körperbau - vertraut und doch sehr ungewöhnlich
Eine Weinbergschnecke kriecht ihres Weges. Von den Schnecken, die ein Gehäuse tragen, ist sie wohl die bekannteste. Sie ist in
Mittel- und Südosteuropa verbreitet und umso häufiger, je kalkhaltiger der Boden ist. Kalk benötigt sie nämlich zur Bildung
ihres Schneckenhauses.
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Abbildung 2
Foto: 2009, Hans Reichert
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Wären uns Schnecken nicht so vertraut, müssten wir uns immer wieder über ihren seltsamen Körperbau wundern. Zwar liegt ihr Mund
nahe dem Vorderende, doch dient er nur zum Fressen und nicht zum Atmen. Die Atemöffnung befindet sich an der Seite und ist zugleich
Ausscheidungsöffnung. Nieren und Enddarm münden in die Lunge. Kot und Urin müssen deshalb ein kleines Teilstück der Lunge passieren,
ehe sie durch die Atemöffnung nach draußen gelangen.
Bei den Gehäuseschnecken ziehen sich fast alle Eingeweide spiralig durch die Windungen des Schneckenhauses, und der waagerechte
Körperteil, mit dem die Schnecken kriechen (man nennt ihn Fuß), enthält nur Teile der Fortpflanzungsorgane und Muskeln. Die kleinen
Augen liegen am Ende der größeren Fühler.
Fressen und Fortbewegung
Ihre Zähne haben die Schnecken auf der Zunge. Deren Oberseite ist mit einer biegsamen Hornplatte versehen, aus der kleine Hornzähnchen
herausragen und eine Art Reibeisen bilden (Abb. 3). Mit dieser sogenannten Radula raspeln sie von Kräutern, Flechten oder
vermodernden Pflanzenresten ihre Nahrung ab. Die meisten einheimischen Landschnecken sind Vegetarier.
Auch die Fortbewegung ist einmalig. Lässt man eine Schnecke über eine Glasscheibe kriechen und beobachtet sie durch die Scheibe
hindurch von unten, sieht man Wellenbewegungen über die Fußsohle laufen, merkwürdigerweise von hinten nach vorn. In Verbindung mit
dem abgesonderten Schleim erreichen sie auf diese Weise eine Vorwärtsbewegung.
Fortpflanzung:
Nicht minder absonderlich ist das Fortpflanzungsverhalten, das sich bei der Weinbergschnecke im Sommer gut beobachten lässt,
wenn man die Geduld dazu hat. Das Liebesspiel kann sich nämlich über 20 Stunden hinziehen. Wie die meisten Landschnecken sind die
Weinbergsschnecken Zwitter. Ihre Geschlechtsorgane produzieren zugleich Ei- und Samenzellen. Bei der Paarung befruchten sich zwei
Individuen gegenseitig.
Mit Hilfe von Duftstoffen locken sie sich zunächst an. Dann beginnt das erwähnte lange Vorspiel, bei der die Schnecken sich mit ihren
Fußsohlen aneinander aufrichten, sich hin- und herwiegen, lebhaft betasten und belecken (Abb. 1). Sie werden dabei immer erregter.
Auf dem Höhepunkt der Erregung stößt in der Regel jeder Partner einen Kalkpfeil aus einem taschenartigen Organ in die Haut des anderen.
Der Pfeil injiziert wahrscheinlich Hormone in den Körper des Partners, welche zum Paarungserfolg beitragen. Jeder Partner schiebt dann
einen Penis in die Geschlechtsöffnung des anderen. Die Samenzellen werden nicht mit Hilfe einer Flüssigkeit übertragen, sondern aufrecht
umständliche Weise in einem schlauchförmigen Samenbehälter. Manchmal gelingt es nicht, diesen in seiner ganzen Länge in die
Geschlechtsöffnung des Partners hineinzupraktizieren. Dann kommt es nicht zur Befruchtung.
Kein Wunder, dass nach dieser Prozedur die beiden Schnecken längere Zeit in einem erschöpften Zustand verharren, ehe wieder jede ihre
Weges geht.
Wegen der Verpackung im Samenbehälter werden die Eizellen nicht kurz nach der Paarung befruchtet, sondern erst nach längerer Zeit.
Die 40 bis 60 Eier, die im Eileiter heranreifen, legt die Schnecke in einer kleinen Erdhöhle ab, die sie durch Drehbewegungen ihres
Fußes gräbt.
Wenn die Jungen später aus dem Ei schlüpfen, müssen sie sich selbst aus der Erdhöhle befreien. Wenn ein räuberisches Tier das entdeckt,
kann es die kleinen Schnecken eine nach der anderen fressen. Auch später sind die jungen Schnecken vielen Gefahren ausgesetzt, da ihre
Gehäuse noch weich sind und wenig Schutz bieten.
Auf dem Speisezettel:
Weinbergschnecken gelten von Alters her als Delikatessen und werden zu Speisezwecken gesammelt. Das Sammeln ist durch Gesetze streng geregelt.
© Text: 2009, Dr. Hans Reichert
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