Die Wegwarte


Die Wegwarte - die Schöne mit den blauen Augen


Es gibt Pflanzen, die eine auffällige Vorliebe für sogenannte Randbiotope zeigen, seien es Waldränder, Bachufer oder Straßenränder. In solchen Randbereichen gibt es offenbar besondere Kombinationen von Umweltfaktoren, welche die angrenzenden Flächen nicht zu bieten haben.

Die Wegwarte bevorzugt Straßen- und Wegränder so sehr, dass sie daher sogar ihren deutschen Namen bekommen hat, wobei „warte“ nach Meinung der Fachleute nicht von „warten“ im Sinne von „ausharren“ abgeleitet ist, sondern von „warten“ im Sinne von „bewachen“ und „betreuen“ (vgl. Warttum, Wartburg, Wartungsvertrag). Der Volksmund hält sich nicht an diese wissenschaftliche Meinung, sondern erzählt allerlei Märchen von einem Mädchen mit schönen blauen Augen, das vergeblich am Wegrand auf seinen Geliebten wartet, der als Soldat oder aus anderen Gründen in die Ferne ziehen musste. Abgemagert und vom Wind zerzaust, verwandelt sich das Mädchen schließlich in die Wegwarte. Wer sich näher für solche Märchen interessiert, wird fündig, wenn er in eine Internet-Suchmaschine die Suchbegriffe „Wegwarte“ und „Märchen“ eingibt.

Der nüchtern wissenschaftliche Grund für die Standortwahl der Wegwarte ist wahrscheinlich folgender: Die Pflanze ist extrem lichtbedürftig und deshalb auf eine niedrige, möglichst sogar lückenhafte Pflanzendecke angewiesen. Andererseits mag sie ziemlich nährstoffreichen Boden. Beide Bedürfnisse zugleich lassen sich nicht leicht erfüllen; denn da, wo der Boden nährstoffreich ist, gedeiht in der Regel eine üppige Vegetation. Man denke beispielsweise an eine gut gedüngte Wiese mit ihrem hohen Graswuchs. Grenzt eine solche Wiese aber an einen Weg, so endet dort der dichte Bewuchs abrupt. Keimt die Wegwarte dort, so kann sie von der Wiese her das gute Nährstoffangebot in Anspruch nehmen und vom Weg her das viele Licht, das sie benötigt. Trockenheit macht ihr übrigens nichts aus. Notfalls wirft sie einfach einen Teil ihrer Blätter ab und schränkt so die Verdunstung ein. Mit ihrer langen Pfahlwurzel findet sie dann auch in längeren Trockenperioden genug Wasser, um nicht zu verwelken.

Streifen wir nochmals die Welt der Märchen und Sagen: Ein uraltes Motiv ist das Lösen von Geheimnissen durch die Kenntnis eines Namens. Denken wir an „Sesam öffne dich“ aus Tausendundeiner Nacht oder an das Rumpelstilzchen. Auch die Wegwarte gibt demjenigen weitere Geheimnisse preis, der ihren wissenschaftlichen Namen kennt: Cichorum intybus.

Bei Cichorum fällt wohl den meisten die Verdeutschung „Zichorie“ ein. Nicht so schnell bemerkt man die Wortverwandtschaft mit „Chicoree“ . Noch schwerer zu erkennen, aber durch Zwischenformen nachweisbar ist die Verwandtschaft des Artnamens „intybus“ mit „Endivie“ . Damit wird klar, dass die Wegwarte etwas mit Nutzpflanzen des Gartens zu tun haben muss. Sie ist tatsächlich die Stammpflanze des Chicoree. Auch der Endiviensalat (Cichorium endivia) ist sehr eng mit ihr verwandt. Wer seinen Gemüsegarten auch unter ästhetischen Gesichtspunkten gestalten oder Kinder damit überraschen will, dass auch unsere Gemüse- und Salatpflanzen Blumen sind, sollte ruhig einmal eine Chicoree- oder Endivienpflanze durchwachsen und zum Blühen kommen lassen. Er hat dann geradezu Pracht-Wegwarten im Garten.

Zum Thema „Nutzpflanze“ gehört noch der Zichorien-Kaffee, der aus der gerösteten rübenförmigen Wurzel der Wegwarte oder einer daraus gezüchteten Kaffe-Zichorie hergestellt wird. Ebenso wie Malzkaffee wurde er in Notzeiten als Ersatz für echten Kaffee getrunken und als Muckefuck (von französisch „mocca faux“ = falscher Mokka) getrunken.

Damit ist noch längst nicht alles Interessante über die Wegwarte gesagt. Lassen wir der Schönen noch ein paar ihrer Geheimnisse.




Text: Dr. Hans Reichert
Bilder: Manfred Weishaar