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Alte und neu entdeckte Heilpflanze |
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Brauchtum:Zum katholischen Brauchtum gehört die Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt (15. August). Der Legende nach fanden die Jünger, als sie Marias Grab öffneten, statt des Leichnams nur noch Blüten und Kräuter. Seit Jahrhunderten werden deshalb im August Kräuter geweiht. Mindestens sieben sollen es sein, die meist zu einem Strauß gebunden werden. Im hessisch-pfälzischen Raum nennt man ihn Würzwisch. Bei diesem Brauchtum wirkt wahrscheinlich auch heidnisches Gedankengut nach. Dass man die Sträuße auf dem Dachboden aufhängt, wo sie gegen Unheil, Gewitter und Blitzschlag helfen sollen, kommt der alten Vorstellung nahe, dass sie böse Geister fernhalten.
Beschreibung:
Zu den Pflanzen, die im Kräuterstrauß fast nie fehlten, gehört das Hartheu oder Johanniskraut. Genau genommen geht es um das Echte
oder Tüpfel-Johanniskraut (Hypericum perforatum, Abb. 2). Es gibt in Deutschland nämlich neun weitere Johanniskraut-Arten.
Einige davon sind dem Tüpfel-Johanniskraut sehr ähnlich und werden oft mit ihm verwechselt. Das ist nicht weiter schlimm.
Die Heilwirkung der verwandten Arten ist allerdings schwächer.
Hält man Blätter gegen das Licht, sieht man zahlreiche helle Pünktchen, die so aussehen, als sei das Blatt mit einer Nadel durchstochen worden (Abb. 4, Anmerkung: Die Blätter sind in der Regel viel schmaler als das hier gezeigte). Von diesen Pünktchen ist sowohl der deutsche Namensbestandteil „Tüpfel“ hergeleitet als auch das lateinische „perforatum“, was ja „durchlöchert“ bedeutet. In Wirklichkeit handelt es sich nicht um Löcher, sondern um durchsichtige Bläschen, in denen ätherische Öle gespeichert sind. Diese gehören zu den heilkräftigen Inhaltsstoffen.
Volksglaube und Legende:
Die Tüpfel haben die Phantasie der Menschen zu allerlei Deutungen angeregt. So gibt es die Vorstellung, der Teufel habe aus Wut
über die Heilkräfte des Johanniskrautes die Blätter zerstochen. Nach der mittelalterlichen Signaturenlehre, die von der Annahme
ausging, die Heilkräuter zeigten schon durch äußere Merkmale, wozu sie gut sind, weisen die „Löcher“ auf Heilkräfte gegen Stichwunden
hin. Aber nicht nur die Tüpfel scheinen auf Wunden hinzuweisen, sondern eine weitere verblüffende Eigenart des Johanniskrautes,
die sich zeigt, wenn man eine Knospe (Abb. 3) zwischen zwei Fingern zerdrückt. Augenblicklich färben sich die Finger blutrot.
Kindern macht dieses Experiment viel Freude und weckt Neugier an der Natur.
Heilkräfte:
Angewandt wird in der Regel das blutrot gefärbte Johanniskrautöl. Man gewinnt es, indem man blühende Zweige in ein Einmachglas stopft,
Speiseöl darüber gießt und das Ganze längere Zeit in die Sonne stellt. Dabei werden die in Öl löslichen Inhaltsstoffe des
Johanniskrautes extrahiert. Das Öl hat zugleich eine konservierende Wirkung. Wenn die Lösung kräftig rot geworden ist, wird sie durch
ein Sieb von den Pflanzenresten getrennt.
Text und Fotos: Dr. Hans Reichert |