Das Schneeglöckchen - genauer betrachtet
Als einer der ersten Frühlingsboten ist das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) in den Tallagen bereits aufgeblüht. Es gehört zu den
Amaryllisgewächsen und kam aus seiner südeuropäischen Heimat zunächst als Gartenpflanze zu uns. Es verwilderte öfters, z. B.
durch Wegwerfen von Gartenabfällen, und ist mittlerweile vor allem in Auenwäldern an so vielen Stellen eingebürgert, dass es schon
als natürlicher Bestandteil unserer Flora betrachtet werden kann.
Auch nicht blühende Schneeglöckchen sind an den oft dichten Büscheln bläulichgrüner Blätter zu erkennen, die schon im späten Winter
aus dem Boden sprießen. Würde man solch ein Blattbüschel ausgraben, fände man an seinem Grund eine Gruppe von Zwiebeln. Im Laufe des
Sommers vermehren sich Schneeglöckchen nämlich vegetativ durch Tochterzwiebeln. Die aus ihnen hervorgehenden Nachkommen sind genetisch
identisch, stellen also einen sogenannten Klon dar.
Aus jeder Zwiebel gehen zwar mehrere Blätter, aber nur ein Blütenstängel hervor. An dessen Ende befindet sich eine einzige Blüte
(Abb. 1). Sie hat 6 Blütenblätter (Perigonblätter), von denen die drei äußeren rein weiß sind. Die drei inneren sind kürzer und am
Ende grün gefleckt. Sie duften stärker als die äußeren. Alle Kronblätter reflektieren ultraviolettes Licht, das Bienen im Gegensatz
zu uns Menschen wahrnehmen können. Für eine Biene heben sich Schneeglöckchenblüten vor einer Schneedecke farblich deutlich ab.
Vermutlich erlebt die Biene die Blüten als blau. Sicher wissen dies nicht, da die subjektive Erlebniswelt der Tiere wissenschaftlicher
Forschung bis jetzt nicht zugänglich ist und möglicherweise immer verborgen bleiben wird.
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Abbildung 2:
Schaut man sich die Schneeglöckchengruppe auf Abb. 2, die im Soonwald aufgenommen wurde, genau an, so fallen zwei Besonderheiten auf:
Unterhalb jeder Blüten stehen zwei Hochblätter; diese sind also nicht verwachsen. Nicht nur die inneren, sondern auch die äußeren
Blütenblätter haben am Ende grünliche Flecken (was an der Blüte ganz links gut zu sehen ist).
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Auf Abb. 3 sind diese abweichenden Merkmale an einem einzelnen Blütentrieb zu sehen.
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Abbildung 3:
Schneeglöckchen mit diesen von der Norm abweichenden Merkmalen wurden erstmals um 1820 herum von dem Sobernheimer
Apotheker Fritz Wandesleben in einem älteren Garten gefunden ...
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... Wandesleben informierte seinen in Graudenz an der Weichsel lebenden Kollegen Julius Scharlock, der ihm von gemeinsamem Militärdienst
her als Botaniker, möglicherweise auch als spezieller Kenner des Schneeglöckens, bekannt war. Scharlock war von dem Fund offenbar so
fasziniert, dass er eigens nach Sobernheim (heute Bad Sobernheim) reiste, um die botanische Kuriosität anzuschauen. Er nahm Zwiebeln
mit nach Graudenz, um die Pflan-ze auch in seinem Garten zu kultivieren, und sandte Material an den Botanikprofessor R. Caspary, der
die Pflanze 1868 Scharlock zu Ehren als Galanthus nivalis var. scharlockii beschrieb. Die Abkürzung „var“ bedeutet „Varietät“,
womit man in der Biologie Typen innerhalb einer Art bezeichnet, die nur durch wenige Merkmale abweichen.
Manche Botaniker sind mit dieser Einstufung als Varietät nicht zufrieden. Ihrer Meinung nach sind die Unterschiede zum
„normalen“ Schneeglöckchen so gravierend, dass man die Pflanze als eigene Art Galanthus scharlockii bezeichnen müsse, zu deutsch
Scharlocks Schneeglöckchen.
Es wurde vermutet, die Sippe sei durch Mutation in dem Sobernheimer Garten entstanden.
Der Ursprungsort ist zwar weder zu beweisen noch zu widerlegen, doch gibt es Indizien, die dagegen sprechen.
Der Verbreitungsschwerpunkt von Scharlocks Schneeglöckchen liegt zumindest heute nicht im Nahegebiet, sondern im unteren
Moselgebiet, wo die Pflanze in vielen Gärten vorkommt. Das könnte darauf hindeuten, dass die Sippe eher dort entstanden ist
und die Entdeckung in Sobernheim erst zu einem Zeitpunkt erfolgte, da sich die Pflanze bereits bis dorthin ausgebreitet hatte.
Finden Sie Scharlocks Schneeglöckchen in der Trierer Region!
Inzwischen kennt man Vorkommen auch in Belgien. In der Region Trier ist die Pflanze trotz einiger Suche noch nicht gefunden worden.
Leser unserer Homepage haben also noch die Möglichkeit, als erste Finder von Scharlocks Schneeglöckchen im Bereich des ehemaligen
Regierungsbezirks Trier in die Annalen der regionalen Botanik einzugehen.
Einig ist sich die Fachwelt, dass Scharlocks Schneeglöckchen durch Mutation (wahrscheinlich eine einzige) aus dem „normalen“
Schneeglöckchen entstanden ist. Zumindest in der Botanik ist dies nicht der einzige Fall, wo durch Änderung sogenannter
homöotischer Gene ziemlich tiefgreifende Gestaltveränderungen hervorgerufen wurden und Sippen entstanden sind, die man als neue
Arten bezeichnen kann.
Vor diesem Hintergrund wird die gerade zur Zeit wieder von Kritikern des Darwinismus aufgestellte Behauptung fragwürdig,
es gäbe für Makroevolution (d.h. für Evolutionsvorgänge, die über minimale Veränderungen hinausgehen) keine Beweise.
Text: Dr. Hans Reichert
Bilder: Bild 1 aus Wikipedia, Bild 2 und 3 von Dr. Hans Reichert
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